Die Spende der alten Dame

Wenn es draußen so miserabel kalt ist und je nachdem wie es taut und wieder friert, beschlagen morgens manchmal die Scheiben meines Privatwagens so stark, daß sich sogar von innen Eis bildet. Ich gucke eben noch aus dem Fenster und sehe, daß das Glas der Windschutzscheibe glänzt, also ist kein Reif und kein Eis drauf.
Dann setze ich mich ins Auto und schaue ins graue Grau, ins Eis.

Mann, Mann, Mann…

Da könnt‘ ich dann raus, wo kein Loch ist, wie man hier so sagt.
Tja, was bleibt mir also anderes übrig, ich nehme den Eiskratzer und befreie die Scheibe innen von dem dünnen Eisbelag.
Gut und schön!

Und dann?
Dann habe ich sowas wie Schnee auf dem Armaturenbrett, den ich mit der Hand wegwische.
Man denkt dann ja nicht mehr darüber nach und bekommt gar nicht mit, daß sich auf diese Weise immer mehr Feuchtigkeit im Wagen befindet, die die Sache von Tag zu Tag schlimmer macht.
Was kommt? Klar! Die Scheibe eist jeden Tag mehr zu, ich kratze wieder und jeden Tag wird die Schicht dicker.
Toll!

Kollege Meckle sagt: „Leg doch eine dicke Zeitung unter die Fußmatte! Die saugt die Feuchtigkeit auf. Einmal in der Woche nimmste ne neue Zeitung und schon hast Du das Problem nicht mehr.“

Sagt Kollege Meckle und normalerweise gebe ich ja nichts auf das was der sagt. Aber gut, ich kann es ja mal probieren, vielleicht hilft die Zeitung ja wirklich was.

Und tatsächlich: Der Meckle hat Recht! Das klappt! Das funktioniert! In den ersten Tagen habe ich die Zeitung fast jeden Tag ausgewechselt, immer war sie schön feucht. Sie saugt also wirklich Feuchtigkeit auf und die Scheibe blieb innen eisfrei.

Man denkt dann irgendwann nicht mehr dran und so kam es daß eines Morgens ein nicht unerheblicher Fetzen vom weißen Rand der Zeitung im Profil meines rechten Schuhs kleben geblieben ist.
Ich hab das nicht gemerkt.

Ich klingele bei der ersten Kundin, sie ist schon etwas älter, immer sehr freundlich und will mir immer heiße Suppe andrehen. Ich tue ihr so leid, sagt sie, es sei doch so kalt.
Ja, denkt die, ich bringe ihr die Sachen zu Fuß oder mein Brummer sei vorne nicht geheizt? Und Suppe! Bitteschön, wer will den morgens schon eine fette, heiße Brühe? Ich jedenfalls nicht.
Die Frau braucht immer so einiges und hat eine längere Liste vorbereitet. Sie ist nicht mehr gut zu Fuß und froh um jeden Artikel, den sie nicht vom Supermarkt nach Hause schleppen muß.

„Essen auf Rädern? Das kommt für mich ja nicht in Frage! Das sind ja nur so kleine Portionen für alte Leute. Ich brauche was Richtiges, morgens meine heiße Brühe und mittags was Ordentliches auf den Teller. Euer Zeug geht doch schnell, ich brauche meistens nur zwei kleine Töpfe. Mit dem Seniorenessen von der Diakonie habe ich mehr Arbeit. Nee, das will ich nicht.“

Erstaunlich, die Frau ist bestimmt schon so an die Achtzig und hat noch einen ordentlichen Appetit.

Ich habe alles gerichtet und bringe es ihr, während ich die Sachen einzeln durchgehe, damit sie auch sieht, daß nichts fehlt, muß ich mich hinknien und da schaut sie auf meinen Schuh, sieht das Zeitungspapier und meint:

„Sie sind da in die Kacke getreten, da hängt noch Papier am Schuh.“

„Nein, nein“, beeile ich mich zu sagen, „das ist nur Zeitungspapier…“

„Ach Gottchen, Ihr Armen, kriegt Ihr nicht mal Klopapier?“

Ich komme gar nicht dazu, der alten Dame zu erklären, daß das Zeitungspapier von der Autotrockenlegung ist; sie ist schnell verschwunden und als sie zurückkommt, hat sie eine Rolle Toilettenpapier in der Hand:

„Da, nehmen Sie, das wird Ihnen gute Dienste leisten!“

3 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Also, ich habe auch immer 1 Rolle Klopapier im Auto.

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