So lange es gut geht, geht es gut

Frau Schäfer gehört schon seit Ewigkeiten zu meinen Kundinnen.
Sie ist 81 Jahre alt und lebt seit dem Tod ihres Mannes alleine.
Heute ist es ja nicht mehr so erstaunlich, daß Leute auch mit über 80 noch völlig fit sind.

In meiner Kindheit und Jugend galten Menschen mit 67 oder 70 Jahren schon als sehr alt. Und wer seinen 75. Geburtstag feierte, der hatte besonders lange gelebt.

Manch einer kann sich das gar nicht mehr vorstellen, aber das war so.
1967 lag die durchschnittliche Lebenserwartung für Männer bei 67 Jahren und für Frauen bei 73 Jahren.

Wer also 1967 mit 65 in Rente ging, konnte sich im Schnitt noch auf 2 Jahre Rente freuen…

Und wenn man mich fragt, waren die Leute früher auch älter. Ich meine das so: Mit 70 war man früher ein richtig alter Mensch. Heute sehe ich viele 70-jährige, die sich jetzt erst ein E-Bike zulegen und noch jeden Tag stramme Touren Nordic-Walking machen.

Frau Schäfer ist auch körperlich fit. Sie hat keinen Rollator, braucht noch nicht einmal einen Stock.

Aber schon bei meinem vorletzten Besuch ist mir etwas aufgefallen. Sie zeigte mir einen Griff mit Saugnapf. Diesen Griff kann man neben der Toilette oder an der Badewanne an die Fliesen pappen und hat dann als älterer Mensch eine Aufstehhilfe.
Eine gute Idee. Ich habe das auf Bitten von Frau Schäfer angeschaut und probiert, ob der Griff wirklich fest hält. Und das tut er. Bombenfest.

Nur…
Warum hat Frau Schäfer 14 Stück dieser Griffe bestellt?

Darauf konnte sie mir keine Antwort geben.

Gestern war ich wieder bei ihr. Sie bestellte wie immer Spinat, Fischstäbchen und Kroketten. Weil ihr gestern die Hitze etwas zu schaffen machte, habe ich ihr ausnahmsweise die Sachen in die Kühltruhe geräumt.
Ausnahmsweise bezieht sich hier auf Frau Schäfer, die will das nämlich normalerweise nicht. „Ach was, das kann ich alles noch prima selbst.“

Ich mache also die Tiefkühltruhe auf und bin dann doch sehr überrascht.
In der Truhe befanden sich bestimmt ein Dutzend Beutel Spinat, noch mehr Fischstäbchen und Kroketten.

„Da hat sich aber ganz schön was angesammelt“, sagte ich.

„Wieso denn? Die Truhe muß fast leer sein, ich esse seit zehn Jahren jeden Tag Fischstäbchen mit Spinat und Kroketten.“

„Heute auch?“

„Ja klar, es steht ja alles schon auf dem Herd. Wenn Sie wollen, können Sie mitessen!“

Auf dem Herd stand gar nichts. Der Herd war mit einem Tuch abgedeckt und darauf stand eine große Box mit diversen Medikamenten. Das sah mir nicht danach aus, als ob Frau Schäfer in letzter Zeit was gekocht hatte.

Ich wollte gerade gehen, da klingelte der Mann vom Wohlfahrtsverband. Er brachte Frau Schäfer Essen auf Rädern…

Mir wurde klar, daß die alte Dame wohl zunehmend dementsprechend wird.

Ich sprach vor der Tür den Mann vom Wohlfahrtsverband an. Er meinte: „Wir wissen das, unser Chef war schon bei ihr. Wir haben das im Blick. Aber solange sie noch so zurecht kommt, wie sie es bis jetzt konnte, ist doch alles im grünen Bereich. Unsere Frau Schlesinger guckt zweimal in der Woche nach ihr. Zu Hause ist sie doch am besten aufgehoben. So lange das gut geht, geht es gut.“

Das finde ich prima. Und ich wünsche Frau Schäfer, daß es noch ganz lange gut geht.
In Zukunft werde ich auch zu ihr hinfahren. Und sei es nur, um 5 Minuten bei ihr zu sein. Diese immer wiederkehrenden Abläufe sollen ja helfen.
Spinat und Fischstäbchen habe ich ihr aber wahrscheinlich gestern zum allerletzten Mal geliefert.

Lies bitte vor dem Kommentieren meine Kommentar-Spielregeln.

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